DAS DA Theater: Interview zum Programm für Kinder

in Aktuelles um die Ecke, Kultur & Musik

In ganz Deutschland ist es nicht leicht, Kultur und Bildung zu vereinen. Es fehlt immer noch an Geldern und mancherorts an Bereitschaft. Tom Hirtz und sein Team, allen voran Regisseur Achim Bieler, haben mit viel Engagement und Schweiß eine Oase inmitten der bürokratischen Wüste erschaffen, die Kindern und Jugendlichen einen besonderen Blick auf die Welt ermöglicht.

Enikö Kümmel: Was ist das Besondere am Kindertheater?

Achim Bieler: Erst einmal macht es Laune und es spricht Themen bewusst an, die im Kreis der Kinder präsent sind. Es sind manchmal nur kleine Momente, die hängen bleiben, aber das ist die lebendigste Art, mit bestimmten Inhalten wie Ausgrenzung und Anders-Sein umzugehen und die in den Bewusstwerdungsprozess der Kinder mit einzubinden.
Wenn man über emotionale Begegnungen, die auf der Bühne passieren, die Kinder dazu bringt, miteinander zu reden und über Dinge nachzudenken, ich glaube, da hat man schon eine Menge erreicht.

Wie schaffst du es, dich in die Seele eines Kindes hineinzuversetzen?

AB: (lacht) Man muss Kind geblieben sein, man muss gar nichts anderes machen. Mir fällt es glücklicherweise relativ leicht, ich glaube, das funktioniert nur, wenn man die Begeisterung in sich bewahrt hat und eine gewisse Art von Erlebniswelt nicht ganz eingetrocknet ist. Eine Herausforderung ist die Abstraktion. Man muss sehr genau schauen, wo man naturalistisch bleiben sollte – ein eckiger Teppich ist keine Insel, ein runder hingegen schon – und wo man abstrahieren kann.
Regie ist aber grundsätzlich ein Beruf, wo man aktiv erleben und wahrnehmen muss, um dann einem schwarz auf weiß geschriebenen Text Leben einzuhauchen.

Tom Hirtz: Das Fehlen der vierten Wand macht auch einen großen Unterschied. Als Erwachsener ist man diese Wand gewohnt, Kinder kennen sie gar nicht, was total cool ist, die brüllen einfach rein, mischen sich ein. Man kann das auf der Bühne bis zu einem bestimmten Punkt ignorieren, irgendwann muss man aufmachen. Oder man macht von vornherein die vierte Wand auf: Ihr seht uns, wir sehen euch, wir sind in Interaktion.

Wie holt ihr euer Feedback? Wie offen sind die Kinder, wie schnell lassen sie sich auf ein Gespräch ein?

TH: Mit Achim haben wir einen Regisseur, der mit Leichtigkeit kindgerecht inszeniert, man muss keine Sorge haben, dass es die verzerrte Erwachsenensicht ist. Trotzdem haben wir als Backup unsere „Probenkinder“. Von der ersten Woche an begleiten Kinder die Probenarbeit, spätestens da holen wir uns die Rückmeldung.

AB: Zwei Dinge sind wichtig. Das eine ist, die Kinder zu beobachten, während sie zuschauen, das verrät meistens viel mehr als das, was sie danach sagen können. Man merkt, wann sie unruhig werden oder wann der eine oder andere besonders aufmerksam und wach ist und fast schon mit auf die Bühne will. In dem Gespräch danach kann man eher die geistigen Dinge abfragen, das Verständnis für die Erzählung oder was gefallen, was nicht gefallen hat. Bei diesen Gesprächen kommen oft überraschende Dinge raus, auf die man vielleicht gar nicht geachtet hätte, ganz banale Sachen … Moment mal … ein Hase braucht einen Puschel hinten … Stimmt, auch wenn man das Kostüm reduziert. Wenn mehrere Kinder sagen, ohne Puschel ist es kein Hase, dann bestellt man doch noch einen Puschel bei der Kostümbildnerin.
Wir ermutigen auch die Betreuer, uns weitere Rückmeldung zu geben, denn im Kindergarten oder in der Schule, im vertrauten Umfeld, wird ganz anders, offener über das Erlebte gesprochen.
Und so haben wir drei Rückmeldungen für ein Stück, das ist besonders wertvoll.

Nach welchen Kriterien werden die Kinderstücke ausgesucht?

TH: Das große Überthema ist, dass Kindertheater Kindern Mut machen soll. Wir möchten den Kindern sagen: Ihr seid zwar etwas kleiner, aber ihr habt eine Stimme und ihr dürft und sollt euch einmischen, ihr könnt etwas verändern. Traut euch ruhig! Bei „Irgendwie anders“ ist es offensichtlich, dass uns gerade die Frage bewegt, wie wir damit umgehen, dass unsere Gesellschaft sich massiv verändert. Wir leben in einer multikulturellen Welt und das Stück sagt eindeutig: Gehe auf scheinbar andersartige Menschen zu, sei offen, zeige Zivilcourage, gehe in den Dialog, dann funktioniert das Zusammenleben. Das ist die Stoßrichtung, die unser Kindertheater immer haben soll!

Wie hat sich das Verständnis oder die Akzeptanz des Kindertheaters verändert in den letzten Jahren?

TH: Je mehr die Medienvielfalt wächst und die digitalen Geschichten in einer unglaublichen Perfektion angeboten werden, umso toller finden es die Kinder, dass vor ihnen ein leibhaftiger Mensch steht, der sich Zeit nimmt, um für sie zu spielen. Das nehmen sie sehr bewusst wahr, sie begreifen das haptische Erleben, das Echte. Dieses Unmittelbare ist im Wert gestiegen, weil es seltener geworden ist. Durch das TPZ bieten wir den nächsten Schritt, die Aktivierung der Kinder, an. Die Schulen bekommen Materialmappen und CDs, aber auch die Chance, Theaterpädagogen zu holen, die im Vorfeld oder nach dem Stück aktiv mit den Kindern arbeiten. Und das finden die Kinder besonders toll.
Das ist ein ernst gemeinter Bildungsauftrag, eine Wahrnehmung zu schulen, die über das reine Lernen hinausgeht. Wir vermitteln eine sinnliche Erfahrung, die am Ende viel eher haften bleibt.

Mit welchen Mitteln wird das Kindertheater finanziert?

TH: Kindertheater ist bei uns der Bereich mit dem größten Defizit. Wir fahren in den Kindergarten, spielen vor 50 Kindern und kommen mit einer Gage von 350 Euro zurück. Davon gehen 10 % an den Verlag, 10 % sind für die Musiknutzungsrechte und von dem Rest muss ich die Leute bezahlen, plus Fahrzeuge und Equipment. Da kann jeder leicht ausrechnen, dass es ein horrendes Minusgeschäft ist. Wir haben das große Glück, dass wir neben der Bildungszulage Sponsoren haben und Spenden von Privatleuten oder Firmen, sonst könnten wir das nicht in diesem Rahmen durchziehen. Unser Anspruch ist, mit 100 % Profis das ganze Angebot zu präsentieren, die Kinder sollen keine Sparversion sehen mobil, sondern das Gleiche wie hier im Haus. Ein enormer Aufwand für enorm wenig Geld.
Alle sagen, Bildungspolitik ist wichtig und wir müssen schauen, dass die Kinder nicht nur über die Schule, sondern auch außerschulisch, außerhalb der Kindergärten Input kriegen, aber an so einer Stelle, wo wir ihnen das so einfach machen – sie müssen ja gar nichts tun, wir kommen ja mit allem –, da wird gespart.
Man kann sich darüber aufregen … Aber wir machen jetzt seit 25 Jahren mobiles Kindertheater, wir haben Wege und Mittel gefunden, das querzufinanzieren, Sponsoren zu akquirieren, aber das kostet viel Zeit und Energie, die ich gerne an anderer Stelle investieren würde.

Habt ihr besondere Pläne für die nächsten Jahre?

TH: Die Basis stimmt. Jeweils zwei neue Produktionen pro Spielzeit, Stücke, die mobil gut funktionieren. Wir spielen mehr als 300 Vorstellungen im Jahr, wir erreichen also mehr als 30.000 Kinder, und davon wollen wir nichts wegnehmen. Es gibt natürlich noch andere Ideen – es gibt auch Menschen unter drei Jahren –, aber da muss man auch ganz klar sagen, das wäre ein neuer Defizitbereich, und den kann ich mir im Moment nicht leisten. Wenn wir dieses Programm erweitern wollten, was ich mir vorstellen kann, müssen andere Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen werden. Wir können froh sein, wenn wir es schaffen, in zehn Jahren mit diesem Programm da zu sein. Und wenn man sieht, wie viel wegbricht, wäre ich da schon sehr glücklich darüber.

Archivbild: Andreas Schmitter

Weitere Infos:
http://kingkalli.de/veranstaltungsort/das-da-theater/
http://dasda.de/das-da-kindertheater

 

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