Bunte Familien in grauem Behördendschungel

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

Wenn man Jonas zusammen mit seinen Eltern sieht, fallen einem unwillkürlich die Gemeinsamkeiten auf. Der Zweijährige ist groß für sein Alter, was bei der Statur seiner Eltern auch kein Wunder ist; beide sind langgliedrig, hochgewachsen und sportlich. Wie der Rest seiner Familie ist Jonas ein Energiebündel, wach, motorisch wie sprachlich begabt und gesellig. Seine Gesichtsform hat er unzweifelhaft von Mama Andrea, und sein helles Haar und den verschmitzten Ausdruck ordnet man sofort Mama Hanna zu. Dabei ist natürlich nur eine seiner beiden Mütter leiblich mit Jonas verwandt, Andrea. „Es passiert oft, dass Leute einen Moment lang die biologischen Zusammenhänge vergessen und bei uns beiden Ähnlichkeiten mit Jonas finden“, erzählt Hanna. „Selbst unseren Freunden rutscht intuitiv immer mal wieder sowas raus. Das tut gut!“ Denn leider gilt es nicht in allen Kreisen als selbstverständlich, dass ein Kind zwei Mütter hat. Und auch für Andrea und Hanna selbst ist das Kinderkriegen alles andere als die einfachste Sache der Welt. „Ich habe keine Entscheidung in meinem Leben so bewusst getroffen wie die, ein Kind zu bekommen. Das war auch für uns als Paar ein intensiver Prozess, in dessen Verlauf wir unsere Beziehung sehr genau reflektiert haben“, erzählt Hanna. Natürlich ist auch für viele heterosexuelle Paare die Vorbereitung auf ein Kind eine Zeit der Selbstprüfung, in der nicht nur Hoffnungen, sondern auch Ängste, Konflikte und Schwächen an die Oberfläche kommen. Bei Regenbogenfamilien, also Familien, die von einem schwulen oder lesbischen Elternpaar gegründet werden, kommen jedoch noch zahlreiche praktische und organisatorische Erschwernisse hinzu. Dazu gehören neben der Entscheidung, wer das Kind zur Welt bringen soll, auch Fragen nach möglichen Empfängnismethoden und Familienkonzepten sowie, eng hiermit verbunden, massive Probleme bei der rechtlichen Absicherung aller Beteiligten.

Samenbank oder Queer-Family?

„Wir haben lange überlegt, welche Möglichkeiten es gibt“, erzählt Andrea. „Wir haben darüber nachgedacht, einen Bekannten um eine Samenspende zu bitten oder gemeinsam mit einem schwulen Paar eine Queer-Family zu gründen. Aber die rechtliche Lage ist in Deutschland dann so unsicher für die Co-Mutter oder den Co-Vater, dass wir davon Abstand genommen haben.“ Die Co-Mutter ist die Partnerin in einem lesbischen Paar, die das Kind nicht austrägt, also „nur“ die soziale Funktion eines Elternteils übernimmt. Selbst wenn die beiden Mütter verheiratet (im Beamtendeutsch „verpartnert“) sind und die Co-Mutter noch vor der Geburt des Kindes die Elternschaft vertraglich anerkennt, wird sie juristisch nicht als Elternteil betrachtet. Das ist bei heterosexuellen Paaren anders: Jedes ehelich geborene Kind, selbst ein bekanntermaßen durch Samenspende gezeugtes, wird hier automatisch dem Ehemann zugeordnet, es sei denn, die Eltern geben explizit einen anderen Vater an. Zugegeben, bei homosexuellen Paaren ist es augenfällig, dass nicht beide Partner biologische Eltern des Kindes sein können; aber das ist es bei manch heterosexuellem Paar auch, ohne dass der Ehemann sich die Elternschaft erstreiten müsste. Co-Mütter und -Väter hingegen müssen ihr Kind adoptieren, was zumindest für eine gewisse Zeit rechtliche Unklarheit und emotionalen Stress für die junge Familie bedeutet. Zwar können lesbische Mütter mit dem genetischen Vater ihres Kindes noch vor der Schwangerschaft einen notariellen Vertrag darüber schließen, dass er alle Rechte an dem Kind abgeben wird, entscheidet sich ein privater Samenspender aber vor der Stiefkindadoption durch die Co-Mutter um, sind solche Absprachen nichtig. „Wir haben uns deshalb entschlossen, uns an eine Samenbank zu wenden, auch wenn wir Freunde hatten, die uns gerne Samen gespendet hätten“, erklärt Hanna.

Und hier ergeben sich schon die nächsten Probleme: In Deutschland sind nicht alle Samenbanken und Arztpraxen bereit, lesbische Frauen in ihrem Kinderwunsch zu unterstützen. Grund ist eine völlig absurde rechtliche Situation: „Der Marburger Bund warnt, der Arzt oder die Ärztin (!) könne im Fall einer Unterhaltsklage zum Erzeuger deklariert und zu Unterhaltszahlungen verpflichtet werden“, erklärt Andrea; eine Abstrusität, die bei einer echten rechtlichen Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Ehepaaren gar nicht erst entstünde. In der Praxis ist ein solcher Fall bislang auch nie vorgekommen; die Kinderwunschpraxen, die Lesben behandeln, lassen sich die scheinbare Unsicherheit trotzdem extra bezahlen. Außerdem verlangen sie unangemessen tiefen Einblick in die Lebens- und Finanzsituation ihrer Kundinnen. Auch Andrea und Hanna haben sich zuerst bei einem deutschen Kinderwunschzentrum erkundigt: „Wir hätten beide ausführliche psychologische und medizinische Gutachten beibringen und alle Finanzen offenlegen müssen. Reicht der Praxis das finanzielle Polster nicht aus, muss man Bürgen finden, die im Zweifelsfall einspringen. Noch vor der ersten Insemination hätten wir 5.000 € Grundkosten zahlen müssen, zuzüglich der Notarkosten und der Gutachterhonorare. Für jeden Inseminationsversuch wären dann noch einmal rund 800 € dazugekommen.“ Klappt die Befruchtung nicht sofort, sind schnell fünfstellige Beträge weg. Die Krankenkasse beteiligt sich, anders als bei heterosexuellen Ehepaaren, nicht an den Kosten.

Ausweg Dänemark

Wie viele andere lesbische Paare wandten sich auch Andrea und Hanna deshalb an eine dänische Klinik, um einen Samenspender zu finden und die Insemination durchführen zu lassen. „Die Dänen sind in diesen Dingen viel weiter“, erzählt Andrea. „Wir mussten uns nicht erklären und auch ein Großteil des Papierkrams fiel weg. Wir haben im Vorfeld medizinische Tipps bekommen, und ich musste ein Blutbild machen lassen. Dann hieß es: Ruft einfach kurz vorher an und kommt vorbei, wenn es passt.“ Das haben die beiden dann auch gemacht, und sie hatten Glück: Schon beim ersten Versuch wurde Andrea schwanger. Den Spender hatten die beiden zuvor aus einer Liste ausgewählt, in der neben körperlichen Merkmalen und dem Bildungsstand der Männer auch verzeichnet war, ob sie auch nach dem 18. Geburtstag des Kindes anonym bleiben wollen. „Wir haben uns bewusst für einen Spender entschieden, der einer Offenlegung seiner Identität zustimmt“, sagt Hanna. „Wir wollten Jonas die Möglichkeit lassen, irgendwann einmal Kontakt zu seinem genetischen Vater aufzunehmen.“ Tausend Euro hat die einmalige Insemination gekostet – genauso viel hätte auch ein heterosexuelles Paar in der dänischen Klinik dafür bezahlt. Für die deutschen Adoptionsbehörden gab es eine Spenderurkunde, aus der hervorgeht, dass Jonas ein Inseminationskind ist. Daraus folgt, dass keine Sorgerechtansprüche von Seiten des Vaters erhoben werden können, dieser aber auch nicht unterhaltspflichtig gemacht werden kann.

Die Stiefkindadoption

Da Andrea und Hanna ihre gemeinsame Elternschaft auf möglichst sichere Füße stellen wollten, schlossen sie noch vor Jonas‘ Geburt einen Ehevertrag, in dem sie sich zur gemeinsamen Sorge und Unterhaltspflicht bekannten. Auch für die biologische Mutter führt die Ungleichbehandlung von „Homo-Ehen“ nämlich zu Unwägbarkeiten. „Wir hatten einen Fall im Bekanntenkreis, in dem die Beziehung gescheitert ist, noch bevor der Adoptionsantrag eingereicht war. Die leibliche Mutter konnte keinen Unterhalt für das Kind fordern, obwohl beide die Entscheidung für die Schwangerschaft gemeinsam getroffen hatten“, erzählt Andrea. „Auch wenn so ein Vertrag vor Gericht anfechtbar ist: Es war für uns wichtig, dieses Bekenntnis voreinander abzugeben“, ergänzt Hanna. „Wir haben auch bereits im Vorfeld einen Antrag auf Adoption gestellt und notariell beglaubigen lassen. Allerdings hat das rückblickend den Adoptionsprozess vielleicht sogar verlangsamt. In Aachen will die Adoptionsvermittlungsstelle nämlich lieber vor allen weiteren Schritten über die geplante Stiefkindadoption informiert werden. Wir hatten im Vorfeld mehr Kontakt zu Regenbogeneltern in Köln, dort ist es genau umgekehrt.“ Tatsächlich ist die Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche

Paare in jeder Stadt ein wenig anders organisiert, und die Bearbeitungszeit variiert ebenso wie der Wissensstand und die Kooperationsbereitschaft der Sachbearbeiter. In allen Kommunen müssen die Eltern aber eine Achtwochenfrist von der Geburt bis zum Antrag verstreichen lassen. Das Stiefkindadoptionsverfahren ist für heterosexuelle Paare konzipiert, bei denen ein Elternteil die Kinder des Partners aus einer vorherigen Beziehung adoptieren will. Wird ein Baby mit dem Ex-Partner gezeugt und dann in eine neue Beziehung hineingeboren, ist nicht davon auszugehen, dass die neue Partnerschaft schon gefestigt ist. Allen Beteiligten soll durch die Frist Bedenkzeit gegeben werden. Seit 2005 dürfen auch Schwule und Lesben die leiblichen Kinder ihrer Ehepartner adoptieren. Bringt einer der Partner die Kinder mit in die Beziehung, ist es natürlich vollkommen gerechtfertigt, wie bei heterosexuellen Paaren eine Stiefkindadoption durchzuführen und – im Sinne des Kindeswohls – zu hinterfragen, welche Motivation hinter dem Adoptionswunsch steht.

Als Mutter auf dem Prüfstand

„Fälle“ wie Jonas hatten Gesetzgeber und Behörden aber ganz offensichtlich nicht auf dem Plan, denn für Wunschkinder wie ihn, die in einer bestehenden eingetragenen Partnerschaft empfangen wurden, ist das Verfahren schlicht ungeeignet. „Dass Lesben im Normalfall nicht aus Versehen schwanger werden, kommt Behördenvertretern offenbar nicht in den Sinn. Der ganze Adoptionsvorgang war extrem demütigend“, erinnert sich Andrea. „Am schlimmsten war der Lebensbericht, den sowohl Hanna als auch ich – als leibliche Mutter! – verfassen mussten. Wir mussten Angaben zu unserer Kindheit und Pubertät, zu unseren familiären Bindungen, zu vorherigen Beziehungen und zur Adoptionsmotivation machen. Der Katalog umfasste ganz intime Fragen wie: Wie sind Sie sexuell aufgeklärt worden? Welche Partnerschaften hatten Sie vor der jetzigen Beziehung, wie waren die und wie lange haben die gedauert? Oder: Was schätzen Sie an Ihrer Partnerin und was nicht? Warum glauben Sie, dass ihre Partnerin eine gute Mutter wäre? So kurz nach der Geburt hat mich das emotional völlig aus der Bahn geworfen. Ich war noch voll mit Hormonen, und wir hatten einen Säugling zu versorgen. Diese Fragen gaben mir das Gefühl, auch ich als Mutter stünde auf dem Prüfstand. Außerdem ging ein Teil der Fragen völlig an unserer Situation vorbei. Was antwortet man als Mutter eines wenige Wochen alten Säuglings auf Fragen danach, was für eine Beziehung man zu dem Kind hat und ob man sich in Erziehungsfragen mit der Partnerin einig ist?“ Auch ohne hormonelle Berg- und Talfahrt war für Hanna die Situation genauso belastend: „Wir hatten Angst, irgendetwas falsch zu machen und dadurch die Adoption hinauszuzögern oder zu gefährden. Wir sind schon lange ein Paar, haben uns gemeinsam und nach reiflicher Überlegung für dieses Kind entschieden, und dann sollen wir erklären, wozu die Adoption gut ist! Tja, wozu eigentlich? Aus unserer Sicht wäre es für ein Kind am besten, wenn es wie die Kinder von heterosexuellen Ehepaaren von Anfang an zwei verantwortliche und rechtliche belangbare Elternteile hat. Aber solche Antworten haben wir runtergeschluckt, weil wir keinen schlechten Eindruck machen wollten. Wir haben auch unkommentiert gelassen, dass die Richterin, ohne rot zu werden, erzählte, sie habe sich über die Rechtslage zu Regenbogenfamilien in Internetforen informiert.“ Unnötig zu erwähnen, dass Andrea und Hanna selbst im Vorfeld Gesetzestexte und Fachliteratur gewälzt hatten. Bis „im Sinne des Kindeswohls“ alle offenen Fragen der Adoptionsvermittlungsstelle geklärt waren, die Sachbearbeiter alle Unterlagen geprüft und das Gericht einen Termin für die Entscheidung festgesetzt hatte, vergingen geschlagene eineinhalb Jahre.

Andrea und Hanna haben sich im Sinne ihres Kindes gemeinsam durch den Adoptionsdschungel gekämpft: Seit einem Jahr ist Jonas endlich auch offiziell ihr gemeinsamer Sohn. Gut, dass die Gesellschaft sich schneller an neue Familienmodelle gewöhnt als die Behörden: Vorurteilen begegnen Andrea, Hanna und Jonas fast nie. Freunde, Verwandte, die Erzieher in Jonas katholischem Kindergarten – alle halten die junge Familie für das, was sie ist: ganz normal. Einzig eine Bekannte von Jonas‘ Urgroßmutter äußerte Verständnislosigkeit für das Lebensmodell der drei. Den Kontakt zu ihr hat die Uroma abgebrochen.

Foto: RayTango/iStock/thinkstockphotos

Ratgeber für die Stiefkindadoption auf den Seiten des Lesben- und Schwulenverbands:
www.lsvd.de/recht/kurzratgeber-muster/stiefkindadoption.html

Pdf mit einer Analyse der Situation lesbischer Eltern, zu finden auf der Regenbogenfamilienseite des vielfältig e. V.:
www.regenbogenfamilien-nrw.de

Website der Initiative lesbischer und schwuler Eltern:
www.ilse.lsvd.de

Info-Blog von Stephanie Gerlach, die sowohl Bücher als auch Thema Regenbogenfamilien publiziert:
www.rainbowfamilynews.de

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