Aachen in Angst

in Aktuelles um die Ecke

Seit Anfang September häufen sich in den lokalen Medien Berichte über teils brutale Raubüberfälle auf Aachens Straßen. In der letzten Woche gründete sich rund um den Chef einer Sicherheitsfirma die Bürgerinitiative „Wir helfen Aachen“ mit dem Ziel, durch Präsenz auf der Straße für eine sichere Stadt ohne Gewaltverbrechen zu sorgen. Innerhalb nur einer Woche gab es dafür über 4300 Facebook-„Gefällt mir“-Angaben begeisterter Bürger. Aufkeimende Kritik oder Bedenken werden auf der Seite nicht geduldet.
KingKalli sprach mit Paul Kemen, dem Pressesprecher der Aachener Polizei, über die aktuelle Situation in Aachen.

„Wir helfen Aachen“

Nach seinen Motiven zur Gründung der Gruppe „Wir helfen Aachen“ befragt, gibt Karsten Rosen in einem Interview mit dem Onlinemagazin „Euregio Aachen“ an, er sei „angepisst“ gewesen. Nach einer „Lästerattacke“ auf Facebook meldete sich Wolfgang Ebel, Inhaber eines Sicherheitsdienstes, bei ihm. Die beiden hätten schon lange auf Facebook Diskussionen verfolgt, bei denen es darum ging, dass „man etwas tun müsse“ um der Kriminalität auf der Straße Herr zu werden. Also beschlossen sie, selber aktiv zu werden und Aachen zu helfen.
Ihre Gruppe „Wir helfen Aachen“, gegründet am 6. Oktober, hat förmlich eingeschlagen wie eine Bombe. Inzwischen sind über 4300 Bürger Anhänger der Bewegung. Dabei erklären sich Rosen und Ebel auf der Seite im Grunde wenig. Wenn sie davon sprechen, was sie tun möchten, geht es hauptsächlich darum, in Aachen auf den Straßen am Wochenende nachts „Präsenz“ zu zeigen. Dabei wünschen sie sich, dass sich ihnen möglichst viele Sympathisanten und Unterstützer anschließen.
Als Symbolfigur dient der Gruppe seit letzter Woche der „wehrhafte Schmied“, der laut Aachener Legende im Jahre 1278 Graf Wilhelm von Jülich in der Aachener Jakobstraße erschlug, der mit Gefolgschaft nach Aachen eingedrungen war.
Wer die zahlreichen Kommentare auf der Seite aufmerksam liest, fühlt sich ganz schnell an eine Bürgerwehr erinnert. Dort ist von Selbstjustiz zu lesen, denn wenn sich das Gegenüber auf einer anderen Ebene bewege, verpufften zivilisierte Instrumente wie Dialog und man müsse mit den Mitteln des Gegners agieren. Ein junger Mann wäre gerne gleich selbst Politiker und würde den Tätern gerne die Hand abhacken: „Dann würden diese Rumänen auch nicht mehr nach Aachen kommen und Autos klauen.“
Rechte Parolen findet man zuhauf, doch: „Das sind nicht wir“, kommentiert der Gruppenführer des Projektes „Wir helfen Aachen“. Den rechten Parolen Einhalt gebieten will aber auch niemand so richtig. Schlechter ergeht es da Leuten, die Fragen stellen oder kritische Bemerkungen anbringen. Von den „Machern“ kommen keine wirklichen Argumente oder Erläuterungen, sondern die Aufforderung, sich zu informieren. Dafür übernehmen die Fans die Maßregelung sofort. Kritiker werden als Klugscheißer abgekanzelt, als arte-Gucker, die erstmal selbst ein Messer abbekommen oder vergewaltigt werden sollten, um aus ihrer rosa Traumwelt mit „Selbstjustiz nein danke“ aufzuwachen.

„Wir helfen Aachen“ hat in den letzten zwei Tagen stark an seinem Image gearbeitet. Der wehrhafte Schmied im Banner wurde ersetzt durch den Spruch „Aachen braucht keine Gewalt. Hilf deinen Mitmenschen. Schau nicht weg.“
Im Interview mit Euregio-Aachen räumt Karsten Rosen ein, dass es ein schmaler Grat zwischen Legalität und Illegalität sei, auf dem man sich bewege, aber man sei übereingekommen, „sich auf der sicheren Seite zu bewegen und seriös aufzutreten“. Die geplante Vorgehensweise in der Stadt sei wie folgt: Die Gruppe hat die Stadt in Bezirke aufgeteilt, bewegt sich auf bestimmten Routen. Sie wird nicht aktiv in Kämpfe eingreifen, sondern die Polizei anrufen, wenn nötig. Dann eine Übermacht erzeugen und die Parteien trennen und so auch aktiv helfen.
Dabei halten sich die Mitglieder an die Rahmenbedingungen, die die Polizei vorgegeben hat: keine Uniform, keine Waffen, kein Kenntlichmachen als Gruppe, keine Funkgeräte.
Wunschtraum ist, hunderte von Menschen zu mobilisieren und das Projekt auf ganz Deutschland auszuweiten. Nachahmer in Eilendorf haben sie bereits gefunden. Auf Facebook hat sich eine geschlossene Gruppe formiert.

Die Entwicklung erinnert stark an die Vorkommnisse Anfang des Jahres in Freiburg. Dort hatte die Badische Zeitung wiederholt über den Straßenraub in der Stadt berichtet und damit ständig eine Gruppe unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Verbindung gebracht. Aus der Türsteherszene heraus bildete sich die Idee einer Bürgerwehr, die in der Stadt „Zivil-Patrouillen“ laufen wollte.
Wurde am Anfang die Idee von der Zeitung sogar noch unkritisch unterstützt, bildete sich in Freiburg aus der linken Szene schnell eine Gegenbewegung, die gegen die rassistische Berichterstattung und gegen die „Zivil-Patrouille“ protestieren wollte. Schließlich kam es zu Diskussionen auf Stadt- und Polizeiebene. Die „Bürgerwehr“ wurde untersagt, und auch die Gegenkundgebung war nicht mehr notwendig.

Position der Polizei

Von Seiten der Polizei sieht Paul Kemen derzeit keinen Grund, gegen die Gruppe „Wir helfen Aachen“ vorzugehen, solange sie sich darauf beschränke, Zeugenhinweise zu geben. Dies sei grundsätzlich immer begrüßenswert. Niemand dürfe jedoch eigenverantwortlich Maßnahmen treffen, die nur der Polizei zustünden, die das Gewaltmonopol hat. Die Polizei sehe die Entwicklung jedoch kritisch und sehe durchaus die Gefahr „dass sich rechte Gruppierungen dazumischen“.
Insbesondere warnt die Polizei eindringlich, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, selbst straffällig zu werden oder gar die Gewaltspirale anzukurbeln.

Zahlen

Fakt ist: Die Menschen in Aachen haben Angst, und Angst war schon immer ein guter Nährboden für fragwürdige Gruppierungen mit großen Versprechen. Die Gründe für die aufgestaute Angst sind mannigfaltig. Auf der Erde toben Kriege, Krisen und Konflikte, mit denen man täglich aus den Medien bombardiert wird. Es sind mehr Menschen auf der Flucht als seit 20 Jahren. Zudem wüten scheinbar unbeherrschbare Krankheiten auf unserem Planeten und selbst die Natur scheint verrückt zu spielen. Von allen Krisen erfahren wir auf allen Kanälen von früh bis spät.
Und dann die Schlagzeilen aus den Lokalnachrichten! Wenn auch dort jede Woche von Raubüberfällen auf offener Straße die Rede ist, zudem alle Freunde Pressemitteilungen mit Horrormeldungen posten, kann das Urvertrauen arg leiden. Ist die Kriminalität in Aachen rasant angestiegen? Dies entspricht zumindest dem Gefühl unter den Bürgern, bei denen dieses Thema auch zum Gesprächsstoff der letzten Wochen geworden ist.

Paul Kemen, Pressesprecher der Polizei, erläutert die Fakten. Demnach sieht die Bilanz im Vergleich zum Vorjahr sogar immer noch besser aus. Die Zahl der Überfälle auf offener Straße liegt noch ca. 18 % unter der Jahres 2013.
Während es bis August im Jahr 2013 184 Überfälle gab, waren es 2014 137. Allerdings schnellten im August die Zahlen in die Höhe: 50 Überfälle wurden seitdem gezählt. Wie sich im Nachhinein herausstellte, waren fünf davon sogar nur vorgetäuscht. In einem Fall hatte sich ein vermeintliches Opfer gar schwere Stichverletzungen beigebracht und angegeben, Unbekannte hätten ihm Handy und Bargeld gestohlen, informierte Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach am Freitag die Presse.

Wie kommt es dann zu der gefühlten Gewissheit, so schlimm sei es noch nie gewesen und man könne sich nicht mehr auf die Straße wagen?
Kemen räumt ein, seit September die Presse massiv mit Informationen zu Überfällen versorgt zu haben, da in diesem Zeitraum in puncto Straßenraub eine „Spitze“ in der Kurve ausgemacht wurde. Bei der Frage, ob man an die Presse trete oder nicht, handele es sich immer um eine Gratwanderung, denn die Infos schürten Ängste. In diesem Fall habe man sich jedoch zu dem Schritt und zu einer Plakatierung in der Innenstadt entschieden, um Verhaltenstipps zu geben und Bürger auf die hauptsächlich betroffenen Gebiete hinzuweisen.
Ob es wirklich sinnvoll sei, Kommentare zu Täterbeschreibungen oder Tatvorgängen abzugeben, bezeichnet Kemen ebenfalls als „Gratwanderung“ – aber die Presse frage ja auch immer danach. Laut Kemen konnten aber auch Erfolge verbucht werden: Zehn Täter wurden dingfest gemacht, darunter ein 15-jähriger Intensivtäter, auf dessen Konto viele der Überfälle gehen.

Kein Opfer werden – und was tun, wenn doch

Aachen bei Nacht

Wie sollen sich die Bewohner Aachens und Jugendliche auf Partytour oder beim abendlichen Stadtbummel nun auf den Straßen verhalten?
Die bevorzugte Opfergruppe sind meist junge Leute, hauptsächlich junge Männer, so Kemen.
Er empfiehlt, sich nicht als „Opfer“ anzubieten. Das bedeutet im Klartext: nachts nicht betrunken Geld abheben, aber auch nicht ständig offen mit dem Smartphone herumhantieren. Am besten in Gruppen unterwegs sein und dunkle Ecken meiden. Im Grunde sind es die Tipps, die wir nie von unseren Eltern hören wollten.
Und wenn ich nun doch als „Opfer“ auserkoren werde? In diesem Fall ist laut Kemen das oberste Gebot „nix riskieren“. Will heißen: den Wertgegenstand herausgeben, nicht den Helden spielen und nicht in eine verbale oder körperliche Auseinandersetzung hineingehen.

Die Stadt Aachen

Ein Gutes hat die Entwicklung der letzten Tage: Auch von Seiten der Stadt wird das Thema Sicherheit nun oberste Priorität erhalten. Als das Presseamt am Montag von der Gruppe „Wir helfen Aachen“ erfuhr, wurden sofort OB Marcel Philipp, Frau Grehling als zuständige Dezernentin für Recht und Herr Fröhlke vom Ordnungsamt informiert, und binnen Stunden wurde eine Sondersitzung des Hauptausschusses zum Thema „Sicherheit auf Aachens Straßen“ für den 21. Oktober, 17 Uhr, im Rathaus anberaumt. Polizeipräsident Dirk Weinspach sagte ebenfalls sein Kommen zu und wird Rede und Antwort stehen.

Fotos: © BF

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